Tag 38 (28.06.2016): Heimliche (Haupt-) Städte

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Der neue Morgen begrüßt uns mit Regen. Die Bergspitzen verstecken sich ein weiteres Mal in den Wolken, alles ist grau und trüb. Trüb ist auch die Laune aller Mädels, als sich die „Ully’s“ nach dem Frühstück gen Norden verabschieden, während wir weiter nach Süden wollen – unsere Wege trennen sich also am gleichen Punkt, an dem sie sich zum ersten Mal gekreuzt haben. Vielleicht werden wir uns noch einmal im Norden der Vesterålen wiedersehen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass das klappt, wird aufgrund der unterschiedlichen Routen und Zeitpläne sehr gering sein. Wir werden sehen…

Zunächst geht unsere Fahrt weiter nach Svolvær, der „heimlichen Hauptstadt“ der Lofoten. Wer von einem malerischen kleinen Städtchen träumt, liegt allerdings falsch: weit über die Stadtgrenzen hinaus sichtbare Werftanlagen zeigen an, dass hier der industrielle Fischfang einen Großteil der Bevölkerung versammelt hat und immer noch ernährt. Doch inzwischen ist auch hier der Tourismus unaufhaltsam auf dem Vormarsch und so wird an allen Ecken und Enden gewerkelt – so sagt man.

Wir müssen in jedem Fall dringend einkaufen, da wir derweil alle Vorräte aufgebraucht haben. Während Annika und Lani den Einkauf erledigen warte ich mit der schlafenden Malu im Auto. Das Kunden-Wifi reicht haarscharf bis zu unserem Parkplatz, aber die Verbindung ist soweit von einem akzeptablen Datendurchsatz entfernt, dass der Skype-Anruf bei meinen Eltern auf dem Qualitätsniveau eines Dosentelefons abläuft. Während ich mit dem Baby auf dem Schoß und dem Smartphone in der Hand auf der Suche nach einer besseren Empfangslage herumfuchtele steigt gegenüber von uns ein Paar mit einem Baby in einen zum Wohnmobil umgebauten Unimog ein – eindeutig Elternzeitreisende. Ich muss Lachen und selbiges wird aus dem Expeditions-Traktor von gegenüber erwidert, bevor der mit Sandblechen und gleich zwei Ersatzreifen am Heck beladene Unimog vom Supermarktparkplatz dieselt. Vermutlich entspricht das Gewicht der beiden Ersatzräder exakt der Zuladung von Oscar. Ein wenig abstrus ist das schon, gleichermaßen freut sich das Kind in mir über das Großspielzeug – leider geil!

Nachdem Annika und Lani sich samt Einkauf den Weg durch den Regen zurück zu Oscar bahnen mussten, verwerfen wir die Idee der Stadtbesichtigung und wollen uns das für den Rückweg vornehmen.

Schlussendlich überspringen wir auch das als nächstes ins Auge gefasste Ziel Kabelvåg, denn inzwischen tönt von den Rückbänken leises Schnarchen und so soll uns das Navi nach Henningsvær – dem Venedig des Nordens, lotsen.

Während dem Sinnieren auf der Fahrt kommen wir zu dem Entschluss, dass die Landschaft zweifelsfrei auch bei Regenwetter beeindruckend ist. Dennoch ist es aber nur halb so imposant, wenn man nur die untere Hälfte der Berge sieht, während die obere Hälfte in den Wolken verschwindet. Man kann zwar auch hier Register ziehen, um sich in die eigene Tasche zu lügen, aber wie alle anderen Spots der Welt, machen die Lofoten auch nur bei Sonnenschein so richtig Spaß!

Unsere Route beinhaltet nur einen einzigen Abbiegevorgang. Annika hatte auf Empfehlung unserer Kurzbekanntschaft aus der Haltebucht eine Stelle auf unserer Karte mit „schöner Strand“ Karte markiert. „Wenn wir den Strand sehen würden, wären wir schon vorbeigefahren“, meinte die Frau und exakt das wäre auch um ein Haar geschehen – unser Vorteil ist allerdings, dass wir direkt vorher nach links in Richtung Henningsvær abbiegen müssen.

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Unterhalb der Straße liegt die kleine Bucht „Rørvikstranda“. Auf 300m Breite erstreckt sich ein karibisches Postkartenmotiv mit Quarzsand und türkis-blauem Wasser – zwar ohne Palmen, dafür aber mit einem amtlichen Berg im Hintergrund und einem Wolkenloch darüber. Meine Schnapsidee, spontan ins Meer zu hüpfen verwerfe ich mit dem ersten Schritt vor das Wohnmobil: ein eisiger Wind holt mich in die Realität zurück und rät mir, dieses Vorhaben ebenfalls auf einen Tag mit durchweg gutem Wetter zu verschieben. Die nächste Wolkenfront ist von Seeseite her im Anmarsch – es siegt die Vernunft und wir fahren weiter. Zwei Kurven später ist der Himmel zwar erneut zugezogen und grau, was uns aber nicht davon abhält, in regelmäßigen Abständen noch einmal am Straßenrand anzuhalten, um noch das eine oder andere Foto zu schießen.

Als wir uns Henningsvær nähern, nimmt die Dichte der am Straßenrand geparkten Autos schlagartig zu. Ein Blick an die linksseits der Straße gelegenen Felswände beantwortet die Frage: ein Kletterspot. Das rötliche Gestein ist gespickt mit Sportkletterern in kunterbunten Klamotten. Irgendwie keimt schlagartig noch mehr Sympathie zu dem Landstrich auf. Zwar haben wir Klettersachen mit an Bord, aber nur in dem Rahmen, um – falls nötig – eine Seilschaft für unsere Besteigung des Preikestolens bilden zu können (dass der Weg in der Zwischenzeit „autobahnähnlich“ ausgebaut wurde, war uns nicht bekannt), aber ernsthaftes Klettern hatte keiner von uns vorgehabt. Dennoch fühle ich mich auf unerklärliche Weise mit den wuselnden Punkten verbunden, die vermutlich auch maßgeblich das lokale Durchschnittsalter senken.

Henningsvær erstreckt sich über kleine vorgelagerte Inseln im Süden vor Austvågøya. Die einzige Zufahrt führt über zwei einspurige Brücken, an deren Ende sich das kleine Dorf versteckt.

Nachdem wir die „heimliche Hauptstadt“ nur zum Einkaufen missbraucht haben, genießen wir diese „heimliche Stadt“ mit ihrem jugendlichen Charme: es scheint, als befinde sich das aus kleinen, alten und hölzernen Fischerhäusern bestehende Dorf fest in der Hand von 20- bis 40-Jährigen. Norwegens nördlichste Kletterschule, ein Kletter- und Outdoorshop, eine Tauchschule, die unter anderem auch Wal-, Adler- und Mitternachtssonnensafaris mit Schlauchbooten anbietet, smarte kleine Cafés und Bars, eine Kaffeerösterei und ein Deko-Nippes-Laden der guten Sorte zeichnen das Stadtbild. Ein Streetart-Künstler hat ebenfalls seine Passion in den alten Gebäuden und Fassaden gefunden und erstmals haben wir das Gefühl, eine Stadt im sonst leicht angeschlummerten Norwegen gefunden zu haben, die mit ihrem Lifestyle näher an UNSEREM Puls der Zeit ist, als alles bisher gesehene. Sport oder gar das Klettern scheint die hiesige Gemeinde zu vereinen und so verarbeitet sogar eine junge Silberschmiedin das Edelmetall in ihrem Workshop zu Schmuck in Form von Kletter-Hardware.

Auf unerklärliche Weise fühlt es sich gut an, hier zu sein.

 

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