Stavanger – mehr als schwarzes Gold und weiße Altstadt!
Der Wetterbericht hatte Sonnenschein für die kommenden Tage und um die 15°C für Stavanger prognostiziert, doch wenn man gen Himmel schaut, sieht das anders aus: grau, Nieselregen und maximal 10°C. Aber auch das ist Norwegen und bekanntermaßen gibt es ja kein schlechtes Wetter, sondern nur die falsche Kleidung. Wir haben in jedem Fall die Richtige dabei und so machen wir uns in unsere Regenjacken gehüllt auf den Weg in die Innenstadt.
Das Ölmuseum und der Geoparken
Wir wollen ins „Norsk Oljemuseum“ oder wie es auf deutsch heißt: Ölmuseum. Vorneweg: man kann es drehen und wenden wie man mag – das Thema ist kontrovers, aber unter anderem auch mit dafür verantwortlich, dass Norwegen heute dort steht, wo es ist.
Außer Frage ist, dass das Museum geradezu liebevoll, detailverliebt und sogar kindgerecht die Geschichte der norwegischen Erdölgewinnung seit den 1960er Jahren aufarbeitet und vor allem Technikbegeisterte in seinen Bann zieht.
Von Öl, dessen Entstehung und der kompletten Wertschöpfungskette wie Bohrinseln, -schiffen, -köpfen, dem Transport und diversen Rettungssystemen wird tatsächlich alles anschaulich zur Schau gestellt. Viele hochwertige und echte Exponate, die fast durchgehend be-geh-/krabbel-/spielbar sind, sowie eine Vielzahl von Modellen, ein 3D-Kino und vor allem ein angedeuteter Nachbau einer Bohrinsel werden unter dem Dach des modernen und architektonisch reizvollen Gebäude im Hafen von Stavanger zusammengefasst. Highlight für die ganz kleinen Kaisers ist in jedem Fall der Indoor-Spielplatz in Form einer Bohrinsel – MIT Hubschrauber (!) – ganz wichtig!!!
Damit das Museum tatsächlich schließen kann, müssen wir Lani und Malu von ihrer Bohrinsel pflücken. Nur wider Willen verlassen beide das Gebäude, aber zum Glück hat das Wetter „die Kurve gekriegt“ und es herrscht strahlender Sonnenschein und blauer Himmel – warum nicht gleich so!? Das Thema Bohrinsel kann so in die zweite Runde gehen, denn auf dem Vorplatz des Museums ist aus allerhand Dingen und Gerätschaften aus der Erdölindustrie ein Urban Playground erschaffen worden: der Geoparken. Und so wird hier noch eine Runde weiter gespielt.

Der Stadtkern
Nachdem alles zufriedenstellend ausprobiert wurde, setzen wir unsere Erkundungstour durch Stavanger fort: vom Geoparken aus wählt man am Besten eine der gegenüberliegenden kleinen Gassen und taucht in die Welt aus kleinen Holzhäuschen ein, die heutzutage eine Vielzahl schöner Cafés, Bars, Restaurants und Boutiquen beheimaten. Durchweg wirkt alles ansprechend – wohl auch nicht nur auf uns, denn die Garnituren auf der Straße sind nahezu restlos belegt.
Zwischen all den Gaststätten fallen unsere Blicke auf einen kleinen Laden, der den Flair des Viertels in sich zu vereinen scheint: lokal, handgemacht, frisch und obendrein ein bisschen hip. Wir können nicht anders, als den Laden zu betreten und schon wenige Augenblicke später befinden wir uns im Gespräch mit dem Eigentümer: einem VW-Bus-fahrenden Surfer, der gerne fotografiert und dazwischen seine per Hand bedruckten und durchweg schönen (T-)Shirts, Caps und vieles mehr verkauft – der Wikinger 2.0 und man hat das Gefühl, dass genau das der Flair ist, der hier durch die Gassen weht. Kreativität begegnet man aber auch sonst in der Hafenstadt an sämtlichen Ecken, denn sie ist bekannt für ihre Straßenkunst.
Wir schlendern durch den Hafen, der heute verdächtig ruhig ist. Das liegt unter anderem daran, dass die Anleger für die großen Cruise Liner leer sind und so trifft man unterwegs nur ein paar bekannte Gesichter vom Campingplatz. Den Rest tragen die Einheimischen selbst zur entspannten Stimmung bei. Wer nicht im Terrassenbereich einer der Hafenlokale sitzt, streckt jeden verfügbaren Quadratzentimeter Hautoberfläche der Sonne entgegen. Nach unserem Dafürhalten handelt es sich um astreines T-Shirt-Wetter aber manche Norweger halten das offenbar für Tiefstapelei und sind nur kurz vorm Status „Badehose“.


Gamle Stavanger
Die eigentliche Altstadt von Stavanger gesellt sich hauptsächlich um die Øvre Strandgate: eine schmale, mit Kopfsteinen gepflasterte Straße westlich und oberhalb des Hafenbeckens, die mit kleinen hölzernen Fischerhäusern gesäumt ist. Allesamt sind weiß gestrichen und trotzen so gemeinsam seit vielen Jahren bereits der Witterung. Akzentuiert wird das Bild durch üppig bepflanzte Blumentöpfe und zwischen den kleinen Häuschen hindurch kann man auch in den einen oder anderen Garten spähen, in denen es scheint, als sei der Flora der Farbtopf explodiert.
Im Vergleich zu unseren heimischen Gefilden stellen wir fest, dass die Natur hier etwa 4-6 Wochen in „Verzug“ ist: die Magnolien blühen gerade ab und der Flieder ist noch dabei, sich zu sortieren.
Der Tag verabschiedet sich erst ab 22:00 Uhr mit einem zeitlupenartigen Sonnenuntergang und taucht die Spitzen der Stadt in ein sattes Orange.
Dalsnuten und was man bei Regen macht
Geplant ist für den Tag eine Wanderung auf den Dalsnuten – den Hausberg im Südosten von Stavanger. Rein theoretisch könnte man einen fabelhaften Blick über die Stadt, den Hafen und die umliegenden Inseln genießen aber praktisch hat sich eine Wolke in den Weg gelegt. Die Sichtweite in der Stadt beträgt noch nicht einmal einen Kilometer – das gegenüberliegende Seeufer des Mosvatn können wir nur noch erahnen, während es zwischendurch immer wieder einmal regnet.
Das Alternativprogramm
Kurzum: ein Alternativprogramm ist gefragt und schnell gefunden! Wir fahren nach Sandnes (ein mit Stavanger zusammengewachsener ursprünglicher Vorort), unser Ziel ist das „Jærmuseet Vitenfabrikken“, ein Experimentiermuseum erster Güte. Im Stadtzentrum erstreckt sich das Museum über drei Etagen eines von außen erst einmal eher unscheinbaren Gebäudes.
Das ändert sich jedoch, sobald man die Eingangstür passiert hat: kein Kassenhäuschen, keine verstaubten Exponaten, keine Führungen. Eine weitläufige Empfangshalle und ein langgezogener Holztresen erwarten uns im Foyer, die Garderobe ist bereits ein Halbgeschoss höher und mitten im Geschehen. Kaltstart: Experimentiermöglichkeiten soweit das Auge reicht. Man kann versuchen Weingläser zu „zersingen“ und sich mit allerlei Reaktions-, Geschicklichkeits- und Konzentrationsspielen auf alles weitere einzustimmen. Ein Stockwerk darüber gibt es eine riesige Mitmach-Werkstatt sowie den Eingang zum Planetarium, das als Kugel frei im Raum zwischen den drei Stockwerken zu schweben scheint. Weiterhin kann man die Haupthalle des Museums betreten und spätestens hier sind auch die großen Kinder am Spielen.
Highlight ist eine Hochspannungsdemonstration mit einer musikalischen Teslaspule im Faradayschen Käfig, die einzig durch den abschließenden Besuch im Planetarium mit einer intergalaktischen Reise durch das Universum gekrönt wird. Auch wenn die dortige Moderation von einer Museumsmitarbeiterin auf Norwegisch erfolgt (nein, es läuft KEIN Film!!!), so sind nahezu alle relevanten Wörter im Norwegischen Sprachgebrauch identisch zum Deutschen.
Beeindruckt verlassen wir auch dieses Museum keine Sekunde eher als bevor wir hinausgeworfen werden…
Am Wetter hat sich derweil auch nichts geändert, sodass wir auch nichts verpasst haben. Dalsnuten, wir sehen uns beim nächsten Mal.
Unser Tipp: bei schönem Wetter ist die Wanderung auf den Dalsnuten tatsächlich auch mit Kindern zu bewerkstelligen. Ausgang der gemütlichen Wanderung ist ein Ausflugsparkplatz und unterschiedlich lange Wege können bis auf den Gipfel gewählt werden. Hier ein Vorschlag einer Route.

Sverd i fjell
Am Abend lichtet sich der Himmel und es kommt sogar noch für einen Moment die Sonne zum Vorschein. Grund genug, auf unserem Rückweg von Sandnes zu Mosvangen Camping einen kleinen Abstecher zu wagen: am Hafrsfjord warten drei überdimensionale Schwerter im Felsen auf die Ewigkeit. Das Denkmal „Sverd i fjell“ wurde an der Stelle errichtet, an der der Geschichte nach König Harald Schönhaar das Königreich Norwegen im Jahr 872 einte. Die Schwerter symbolisieren Frieden, Einheit und Freiheit und sind für immer fest im Fels verankert, auf das sie nie wieder verwenden werden.

#norledfjordcruise
An unserem dritten und letzten Tag in Stavanger treten wir DER Naturattratktion in der Region Stavanger aus einer für uns völlig neuen Perspektive gegenüber: dem Preikestolen – und zwar von „unten“! Diese einzigartige Perspektive kann man allerdings nur auf dem Wasserweg erlangen und so gehen wir auf eine Fjord Cruise.
Am Skagenkaien im Hafen von Stavanger startet die zweieinhalbstündige Tour: die Katamaran-Schnellfähre von Norled drückt sich bereits sachte gegen die Kaimauer und ist bereit ihre Passagiere aufzunehmen, als wir – wieder einmal bei Nieselregen – ankommen. Heute ist trotz des schlechteren Wetters im Vergleich zu Vorgestern wesentlich mehr los, was wiederum damit zusammenhängen mag, dass sich im Hafenbecken die MS Queen Elizabeth „breit“ gemacht hat. Das stellt aber keinerlei Probleme für unser wieselflinkes Transportmedium dar, das in dem Moment auch schon zum Ablegen behänd auf der Stelle wendet.
Eine wilde Wahnsinnsfahrt?
Der Spaß beginnt erst richtig, als wir den Hafenbereich in Richtung Lysefjord hinter uns gelassen haben: der Kapitän gibt Gas und wenig später schießen wir mit einem Affenzahn über die Wasseroberfläche!
Während ich auf dem Oberdeck versuche, ein paar Fotos und Videos zu schießen, sitzen die Mädels im warmen „Erdgeschoss“, wobei die Kinder weniger sitzen als tanzen und sich johlend über jede einzelne Bugwelle des entgegenkommenden Schiffsverkehrs freuen, die unser Katamaran mit leichtem Hüpfen im vorderen Bereich des Bootes passiert.
Kurz vor der Einfahrt in den Lysefjord verlangsamt sich unsere Fahrt, als wir uns zwischen den kleineren Inseln von Ådnøy hindurch schlängeln. Ein Audioguide in Englisch und Deutsch ertönt über die Lautsprecher und klärt über das auf, was gerade um uns herum zu sehen ist. Wer die Ansagetexte verpasst hat, kann sich alles noch einmal in Textform zu Gemüte führen, indem er in der Broschüre liest, die uns die Besatzung beim Betreten des Schiffes in die Hand gedrückt hat.
Im Lysefjord
Wir umzirkeln Oanes, passieren Forsand und damit sind wir auch schon im Lysefjord. Erneut heißt es volle Fahrt voraus und tatsächlich schaffen es ein paar Sonnenstrahlen, die Wolkendecke zu durchdringen, bis wir an der Felsenbucht „Fantahålå“ ankommen, in der sich einst Ganoven auf der Flucht vor der Polizei versteckten.
Bis fast ganz hinein manövriert der Kapitän das Boot, um dann wieder rückwärts aus der Spalte „auszuparken“.

Der Preikestolen von unten
Die letzte Etappe bis zum Fuße des Preikestolens wird noch einmal im Eiltempo absolviert und plötzlich liegt er vor uns: was von oben bereits imposant aussieht, ist vom Fuße noch einmal eine komplett andere Hausnummer. Wer das Plateau einmal von oben gesehen hat weiß, dass es schon nicht gerade klein ist. Dafür sieht die charakteristische und gut zu erkennende Gesteinsformation von Fjordniveau geradezu aberwitzig klein aus. Die Relation und Größe der unmittelbar vor uns liegenden Steilwand wird freundlicherweise durch einen der obigen Besucher verdeutlicht, der just in diesem Moment an der Kante seine Version des Norwegen-Klischee-Selfie schießt. Jetzt ist klar, dass das tatsächlich 604 Meter sind, die hier aus dem Wasser nach oben ragen.
Ein wenig weiter hinten im Fjord ist noch ein Wasserfall zu bestaunen, der noch angefahren wird, bevor die Rückreise beginnt. Wer seit dem Preikestolen jetzt immer noch ganz vorne auf dem Panoramadeck steht, der erhält noch einen kleinen Gruß von der Brücke: das Motto ist „mittendrin statt nur dabei“ und so bugsiert der Kapitän sein Wasserfahrzeug exakt so nah an die Felswand, dass nicht nur die Passagiere in der ersten Reihe den Wasserfall hautnah erleben dürfen. Ein kleiner Spaß, den jeder verzeiht.
Die Rückfahrt verbringen wir im Anschluss an die erneute Vorbeifahrt am Fuße des „Pulpit Rock“ und ein bisschen Blödelei mit den Kindern auf dem – inzwischen sonst leeren – Oberdeck im Unterdeck. Bei einem Heißgetränk aus dem kleinen Bordbistro wärmen wir uns ein wenig auf und genießen die Aussicht über die Wasseroberfläche, die mit jedem Meter, den wir uns wieder Stavanger nähern, mehr und mehr glitzert.
Bei strahlendem Sonnenschein kommen wir in Stavanger an. Ein toller Ausflug mit einer neuen Sicht auf den Preikestolen, die in Erinnerung bleibt. Danke Norled für diesen schönen Tag.

Hinweis: Dieser Artikel ist 2017 im Rahmen einer Kooperation mit Fjord Line Deutschland entstanden und wurde ursprünglich auf ferien-in-norwegen.com veröffentlicht. Nach dem Abschalten der Webseite haben wir uns entschieden, unsere Artikel und Bilder hier auf kaiser.rocks erneut zu veröffentlichen.
