Tag 37 (27.06.2016): Meistens kommt es anders…

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Als wir aufwachen, ist der emsige Fahrradfahrer schon verschwunden. Auch das zeltende Feuerwehr-Pärchen hat bereits die Zelte abgeschlagen und das norwegische Wohnmobil parkt gerade aus, als wir am Frühstücken sind.

Die Sonne scheint und es ist leicht bewölkt. Es weht ein mäßiger Wind – leider aber nur exakt solange, bis wir Lani’s Drachen ausgepackt haben und er gerade einmal ein paar Sekunden in der Luft war. Leicht enttäuscht spielt sie dafür mit mir „Italienisches Restaurant“: à la carte servieren Köchin und Kellnerin in einer Person mir unterschiedliche Phantasie-Gerichte auf der Basis von Blumen, Gras und Sand.

Annika blödelt mit Malu herum, bis sie in ihr erstes Vormittagsschläfchen findet und als wir anschließend alles wieder zusammengepackt haben fahren wir los.
Weiter geht es durch das unwirkliche Zusammenspiel aus an Gebirgsmassive grenzende Dünenlandschaften, bis wir in Laukvik die Küste verlassen und in Richtung des „Landesinneren“ verlassen – sofern man davon bei einer Insel wie Austvågøya reden kann. Sieht man das Meer nicht, glaubt man eine alpine Hochebene mit Seen zu durchqueren – irrwitzig.
Wir befahren zwar einen Zubringer zur E10, dennoch heißt es in unregelmäßigen Abständen „Warten“: Gegenverkehr und Schafe geben sich die Klinke in die Hand.

Am „Austnesfjord“ treffen wir zuerst auf die E10 und nach wenigen Metern auf einen für unser Weiterkommen verhängnisvollen Aussichtspunkt mit Parkplatz.

Lani und ich hoppeln zuerst den Steg hinauf, um anschließend noch einen Abstecher „ins Grüne“ zu machen. Wir streifen auf einem kleinen Trampelpfad über den Moorboden, der stellenweise die weit in den Fjord hineinragende Landzunge bedeckt. Um uns herum wiegt sich das Wollgras sanft im Wind, über uns hinweg fliegen riesige Möven und ganz oben segelt ein Greifvogel in der Thermik der gegenüber steil aus dem türkisblauen Wasser aufragenden Felswand. Wir laufen in Richtung des höchsten Felsen, machen ein paar Fotos und genießen die Ruhe und Zeit in diesem Idyll.
Annika und Malu sind auf dem Parkplatz geblieben und zu den beiden wollen wir zurückkehren. Aber bereits von unserem Hügel aus sehen wir während des Abstiegs, dass die beiden Mädels aus einem fremden Wohnmobil steigen.
Meine Füße haben noch nicht den Asphalt des Parkplatzes berührt, als Lani, die wenige Schritte vor mir läuft, bereits von zwei Kindern, die ebenfalls aus dem fremden Wohnmobil geflitzt kommen, aufgegabelt wird: während wir auf unserem kleinen Spaziergang waren, wurde Annika von Nik angesprochen. Und nach einem kurzen Herumblödeln mit dem ebenfalls und samt seiner Frau und deren drei Töchtern auf Elternzeitreise befindlichen Familienpapa entwickelt sich eine für beide Familien erfreuliche Nachmittagsbeschäftigung. Zunächst werden die beiden jeweils fremden Reisemobile besichtigt: Nik und Janina sehen sich mit ihren Mädels in „Oscar“ um, während wir wiederum einen Blick in „Ully“ werfen dürfen. Die Seltenheit ist gleichzeitig die Gemeinsamkeit der beiden Fahrzeuge: Beide haben als Basis ein VW LT.

Kurze Zeit später stehen beide Autos nebeneinander und dazwischen Klappstühle und ein aus einem Crashpad improvisiertes Outdoorsofa für die Kids. Ein Klapptisch bildet das Zentrum der kleinen Wagenburg und wird mit Getränken, Keksen, (Trocken-)Obst und allen anderen ad-hoc in beiden Wohnmobilen auffindbaren Leckereien überhäuft. Und während die jeweils großen Mädels gemeinsam über den Parkplatz toben, diesen mit Straßenkreide dekorieren und alle anderen in beiden Auto mitgeführten Sachen in Spielzeuge verwandelt werden, sitzen die jeweils ganz Großen und ganz Kleinen bei einem Cappuccino beisammen und tun das, was man als „Festquatschen“ bezeichnen könnte. Dass beide Familien auf die gleiche Idee gekommen sind, einen Teil ihrer Elternzeit auf Rädern in Skandinavien zu verbringen ist nicht die einzige Gemeinsamkeit und spätestens als der Outdoorkindergarten eine zauberhafte Zirkusvorstellung mit einer Löwennummer in der Parkplatzmanege aufführt ist klar, dass bei uns das Einkaufen und die Weiterfahrt nach Svolvær und bei den Ully’s der Strandbesuch ausfällt – wir bleiben alle hier stehen und verbringen einen einmalig geselligen und schönen Abend. Meistens kommt es halt doch anders als man denkt.
Erst als es spät abends zu Regnen anfängt, räumen wir das Feld und verkrümeln uns allesamt (!) in Oscar und brechen mit neun Insassen unseren Rekord: die drei großen Mädels liegen im Alkoven und spielen, kuscheln oder hören Hörspiele, während Eltern und Zwerge die Vorzüge der sonst (zu) üppig gestalteten Sitzgruppe in allen Zügen auskosten.
Nach und nach und von Klein nach Groß gehen alle schlafen, bis Nik und ich uns als Letzte um 02:30 Uhr vor den Wohnmobilen eine Gute (taghelle) Nacht wünschen.

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