Tag 31 (21.06.2016): Die Feuer des Schicksalsberges und der Polarkreis

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Am nächsten Morgen ist das Schauspiel vorbei und die Landschaft präsentiert sich herrlich unspektakulär in ineinander verschwimmenden Nuancen von Einheitsgrau.

Die gleiche Straße wie gestern macht ohne Sonnenschein leider nur halb soviel Spaß, aber Weiterfahren ist das einzig sinnvolle, was man mit dem Wetter anfangen kann und so spulen wir Kilometer um Kilometer ab.

Wir fahren bis Mo i Rana und wollen eigentlich nur die dortige Ver- und Entsorgungsstation für Wohnmobile anfahren. Entsorgung funktioniert an der „Kloakkpumpestasjon“ wie der Name schon sagt einwandfrei. Dass über dem Wasserhahn ein Schild mit „NOT FOR DRINKING“ hängt, hindert uns daran, das kühle Nass unbeschwert in Oscar zu füllen und belassen es erst einmal beim Entsorgen.

Wir durchfahren die von Schwerindustrie gezeichnete Stadt: im Westen überragen zwei im Hafen bereits fertiggestellte Standbeine, die vermutlich für eine Bohrinsel gedacht sind alle Gebäude, während im Osten auf einer Anhöhe eine Ansammlung von stahlverarbeitenden Großfabriken die Lufthoheit einnehmen.

Die „Lufthoheit“ ist in dem Fall gänzlich richtige Begriff: der blaue Qualm, der aus den unzähligen Schloten des mit einer braun-schwarzen Rostpatina überzogenen und bedrohlich wirkenden Komplexes quillt, legt einen Dunstteppich über das östlich angrenzende Tal.

Direkt unterhalb der hiesigen Interpretation des „Schicksalsberges“ liegt der lokale Campingplatz – die dazugehörigen Feuer brennen in Einweggrills. Und während Annika lieb fragen geht, ob wir eventuell für ein paar Kronen dort Frischwasser tanken dürfen, warte ich nur darauf, dass ein Ork um die Ecke kommt. Es kommen aber keine Orks, Nein, es sind lediglich scharenweise norwegische Camper, die hochmotiviert ihren Klappstuhl aus dem Reisemobil ziehen um dem eigenen blauen Dunst bei einer Büchse Bier unter dem anderen blauen Dunst zu frönen. Demnach sind sowohl Annika als auch ich doch recht dankbar dafür, dass Frischwasser nur tatsächlichen Campinggästen vorbehalten ist. Beim Anblick dieses gänzlich skurrilen Bildes von potentieller (und offenbar beliebter) Urlaubsdestination unterhalb des offiziellen Luftqualitätsverschlechterers geraten wir spätestens beim Anblick eines vermutlichen Kühlwasserauslaufes des Komplexes über die norwegische Interpretation von Umweltschutz ins Grübeln…

Wir fahren unverrichteter Dinge wieder und wollen versuchen, mit den letzten paar verbleibenden Litern auszukommen. Spaghetti und Spülen wird dann wohl verschoben.

Entgegen unser norwegischen Steppenphantasie hört auch hinter Mo i Rana die Welt nicht auf und so fahren wir durch viele kleine Dörfer. Und spätestens die 20 km lange Großbaustelle zur Erneuerung der E6, an der auch um 20:30 Uhr noch fleißig gewerkelt wird spiegelt die Existenz von Zivilisation wieder. Baustellen sind in Norwegen übrigens ein spannendes Thema: meist tauchen sie dort auf, wo man sie am wenigsten erwartet. Sie sind gut und bereits im Vorfeld beschildert und meistens verfügen sie über eine „Touri-Info“: ein Posten in Warnklamotten, der den ganzen Tag in der Landschaft steht und den Verkehr dirigiert. Der Norweger nennt das „manuell dirigering“, bei uns kennt man diesen Service als stumpfe Baustellenampel.

Sind komplizierte oder lange Durch- oder Umleitungen zur Passage der Baustelle notwendig, so taucht noch ein „Ledebil“ auf und shuttelt wechselseitig einzelne Kolonnen hindurch. Funktioniert prima – sowohl tagsüber als auch nachts! Ich versuche seit wir in Norwegen sind sinnlos aufgestellte Baustellenschilder zu finden, bin aber bisweilen erfolglos.

Als man tatsächlich fast von Einöde reden kann taucht auch heute gegen 21:30 Uhr ein „Manuell dirigering“-Schild mitten im Nichts auf und da steht auch schon der arme Neon-Wichtel mit Kelle! Er winkt uns durch, doch von Baustelle ist nichts mehr zu sehen – nur 200m neu asphaltierte Straße. Sein Kompagnon auf dem gegenüber liegenden Ende packt als wir vorbeifahren gerade seine Sachen zusammen – wohl Feierabend. Wer noch nicht Feierabend hat, ist die Asphaltiermaschine, denn diese überholen wir einige Kilometer später, als sie gerade mit einem Affenzahn durch den Fjell in Richtung Polarkreis ballert. Ja, die Dinger können offenbar „schnell“. Unheimlich (!) schnell, sogar.

Gegen 22:00 Uhr kommen wir am „Polarsirkelsenteret“ an. Die Hochebene ist zwar auch zur Sommersonnenwende noch größtenteils mit Schnee bedeckt, aber es kann vermutlich nur noch einige wenige Tage dauern, bis auch die letzten Reste des kühlen Weiß‘ verschwunden sind und den Boden gänzlich aufgeweicht haben. Ich erkunde mit Lani zu Fuß die von der extremen Witterung gezeichnete und leicht lädierte Holzskulptur, die den Breitenkreis auf 66° 33′ 55″ markiert, der besser unter dem Namen „Polarkreis“ oder aber „Arctic Circle“ bekannt ist.

In dem direkt neben der Skulptur errichteten Multifunktions-Touristen-Kommerztempel kann man sich neben allerhand bereits erwähntem Klischee-Nippes hier nun auch noch für „nur“ 99 Kronen (also läppische knappe 11 €) seinen persönlichen „Max-Mustermann-hat-den-Polarkreis-überquert-Ausweis“ erstellen lassen. Au weia, aber bestimmt werden sich auch hierbei Angebot und Nachfrage in der Waage halten…

Das „Senteret“ hat allerdings leider schon samt den angepriesenen Toiletten geschlossen, weshalb ich notgedrungen und zu Lanis Amüsement hinter der Skulptur in den Schee pieseln muss. Bis zu Oscar zurück hätte ich es nicht geschafft. Und da um uns herum bereits alles mit dem Attribut „Arctic“ beworben wird, frage ich Annika, ob ich nun stolz das „Arctic Piesel Wiesel“ sein darf, was aber in einem Lachanfall statt einer Trophäe endet.

Während wir zu Abend bzw. zu Nacht essen, begutachten wir die Yacht auf Rädern neben uns. Oscar ist daneben so klein, dass er sogar noch unter den imaginären Geranienkästen an den Fenstern durch passen würde. Die Nachbarn schauen Fußball – ach stimmt ja, es ist ja EM, von der wir außer den unweigerlich über das Internet wahrgenommenen Ergebnissen nichts mitbekommen. Eine Windböe beendet im Nachbarmobil den gemütlichen Fernsehabend, woraufhhin die eine (der beiden) Schüsseln auf dem Dach anfängt, sich wie ein Brummkreisel zu drehen. Die Stimmung bei den Nachbarn scheint wohl aufgrund des Bildaussetzers zu kippen, während ich den lustig wedelnden Quirl auf dem verkappten Reisebus neben uns als neumodischen Campergruß interpretiere. Als wir zum Spaß unsere gänzlich überflüssige Sat-Antenne zum Zurückwinken motivieren, wird in Anbetracht der Stimmungsdifferenz bei den Nachbarn mit leicht errötetem Kopf die Nachtruhe eingeläutet und hektisch alle Rollos verschlossen. Wir lachen uns kaputt und schicken unsere Antenne wieder in den Winterschlaf.

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