Tag 27 (17.06.2016): Die grasende graue Giraffe

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Dass das Wetter schlechter werden solle, wurde uns bereits von allen (sonst uneinigen) Wetter-Apps prophezeit und so werden wir von Regentropfen geweckt, die auf Oscar’s Dach prasseln. Annika findet das romantisch, während ich das eher unromantisch sehe, da von mir aus 365 Tage im Jahr die Sonne scheinen könnte. Regnen könnte es von mir aus immer am 29. Februar – das würde reichen. Die Realität sieht ja aber – wer hätte es geahnt – anders aus und so mache ich das Beste daraus und genieße eine der wenigen „münzeinwurffreien“ heißen Duschen auf dem Stellplatz an der Atlantikstraße.

Gegen Mittag sticht die „MS Oscar“ in See und macht sich mit ihrer Besatzung auf Ihren klatschnassen Weg nach Trondheim. Wir schwimmen zuerst durch den Regen über einen Zubringer zur Europastraße gen Osten und amüsieren uns über die eigenartige aber fast einheitlichen wenigen Formen der norwegischen Gestaltung eines Vorgartens. Die Basisvarianten sind entweder „(nahezu) nicht existent“ oder „riesig“, während sich „riesig“ in die Unterkategorien „akkurat“ und „Schrottplatz“ aufteilt. „Akkurat“ wird meist bei Sonnenschein durch den Hausherren, vornehmlich aber durch die Dame des Hauses (in der wohl offiziellen RasenmäherINNENkluft: kurze Hose und BH) auf golfplatzähnliches Niveau getrimmt, während man für das weit verbreitete Premiumlevel „Schrottplatz“ mindestens einen defekten Traktor – besser aber einen alten Reisebus oder Raupenkettenbagger – besitzen muss, um diesen in einem langwierigen Prozess zu kompostieren zu versuchen. Die Kategorie „Schrottplatz“ setzt im Übrigen die Existenz eines funktionierenden Rasenmähers NICHT voraus. Wahlweise kann aber der Defekte aber samt anderer metallischer Gegenstände (wie z. B. Trampoline, Fahr- und Motorräder, PKW und kleine Nutzfahrzeuge jeder Art) ebenso dem Versuch der Kompostierung unterzogen werden…
Die Landschaft geht leider in einem tristen Grau unter: die Berge hängen ab spätestens halber Höhe in der Wolkendecke und auch die unruhige Wasseroberfläche der Fjorde reflektiert diese mehr, als dass man das Türkis des Wassers erahnen könnte.
Etwa 50km vor Trondheim warnt das bestimmt beliebteste Straßenschild des Nordens vor Elchen, auf deren Begegnung ich mich (fernab unseres Kühlergrills) freue. Kurze Zeit später sehe ich rechts der Straße auf einem Weidegrundstück in leichter Hanglage zum Fjord hinab ein großes graues Etwas, das aussieht wie eine Giraffe am Wasserloch, allerdings in Eselsgrau!? Als der komische Esel den Kopf hebt wird klar: ein Elch, allerdings mit abgeworfenem Geweih!
Freudig singe ich leise „ein Elch, ein Elch, ein Elch“ vor mich hin und fahre vorsichtig und in der naiven Erwartung, gleich den nächsten Elch zu treffen um die Kurve. Umdrehen? Quatsch, da kommt gleich noch einer, den auch Lani besser sehen kann…
Später liest mir Annika vor, dass Elchbegegnungen tatsächlich gar nicht so häufig vorkommen und Elche eher scheu sind. Einerseits ist das natürlich doof, weil weiterfahren die falsche Entscheidung war, andererseits hätte die Vollbremsung auf regennasser Landstraße nicht nur den Elch motiviert, in den Wald zu hüpfen. Aber zurück bleibt die Überzeugung, dass man es bei Elchen nicht mit Großwild zu tun hat, dass sich in blanker suizidärer Absicht vor Autos wirft, was mich wiederum entspannt.
Wir kommen um 20:30 Uhr auf dem städtischen Stellplatz in Trondheim an. Da er kostenlos ist, ist er natürlich bereits gänzlich von Wohnmobilisten übervölkert. Das wiederum grenzt schier an ein Wunder, denn freundlicherweise hat die Stadt Trondheim die schlecht asphaltierte Zufahrtsstraße mit ebenso schlecht sichtbaren „Bremshubbeln“ versehen, die dem Unterboden von so manchem vollintegrierten Raumschiff den Garaus machen sollten: den ersten übersehe ich in jedem Fall, da im Dämmerlicht gerade grau in grau verschwimmt. Schimpfend überfahren wir vorsichtig den Zweiten, und noch während ich dem Konstrukteur von Oscar  für jeden Millimeter Bodenfreiheit und Federweg danke, krachen wir über den nächsten (unsichtbaren) Hubbel – man könnte dann wohl mal wieder in der Küche aufräumen…
Zu meiner Entlastung zeigen eine Vielzahl von Kratz- und Ölspuren, dass die unsäglichen Dinger schon die eine oder andere Ölwanne gekostet haben…
Zum Abschluss wurde zum Gruß an alle überhängenden Fahrzeugenden und langen Radstände noch eine freundliche Kante in die Einfahrt konstruiert, dass wer auch immer es bis hierhin geschafft hat nun noch einmal final für sein zu großes Fahrzeug bestraft wird.
Oscar ist zum Glück hiervon nicht betroffen: wir haben Bodenfreiheit und kalte Füße anstatt eines Flachrahmens und eine Heckbox anstatt integrierten Staufächern – alles hat seine Vor- und Nachteile…
Da aber wie bereits gesagt alle Stellplätze mit tapferen Wohnmobilen, die es bis hier hin geschafft haben belegt sind, beschließen wir auf dem parkscheinpflichtigen PKW-Bereich in Lauerstellung zu gehen und quetschen uns parallel zur Straße an einen Glascontainer.
Eine am nächsten Tag stattfindende Fahrzeugausstellung wirft zu Lanis Unterhaltung ihre Schatten voraus: durchaus sehenswerte Exponate rollen auf Anhängern oder eigenen Rädern in Richtung der am Ende der Straße gelegenen Messehalle. Und alle – egal ob alter amerikanischer Straßenkreuzer, betagtes V8-Blubber-Monster oder neuzeitlichem Lamborghini: alle krachen über mindestens einen Hubbel hinweg. Was bin ich froh, dass wir ein 18 Jahre altes Wohnmobil haben…

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