Tag 24 (14.06.2016): Siebenmeilengummistiefel

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Definitiv war heute der bisweilen vielseitigste Tag. Fahren, Fähre-fahren, fahren, wandern, zurückwandern, fahren, (Fähre-fahren, fahren). Aus unerklärlichen Gründen hatten wir heute wohl die „Siebenmeilengummistiefel“ an und am Ende waren wir weiter als wir eigentlich wollten, obwohl wir uns nicht gehetzt haben. Aber fangen wir vorne an:

Um 03:00 waren immer noch nicht alle im Bett, umso später wachen wir natürlich auch heute Morgen wieder einmal auf.
Annika weckt mich um 09:15 mit den Tagesauszug der Hafenein- und -ausfahrten von Geiranger. Nachdem uns mit dem gestrigen Blick auf den schiffsfreien Fjord von unserem Aussichtspunkt oberhalb von Geiranger aus kein Anhaltspunkt für die dort unten vorherrschenden Dimensionen vorliegt, stelle ich mir erneut vor, dass ein großes Kreuzfahrtschiff nur mit dem Schuhlöffel in diesen Meeresarm passen würde.
Annika liest vor, dass um 10:00 ein riesiges Kreuzfahrtschiff der Reederei MSC anlegen wird – Grund genug, mal flucks aufzustehen um sich das Schauspiel von oben anzusehen. In meiner Schuhlöffelphantasie stelle ich mir das gleichartig amüsant vor, wie so manchem Autofahrer beim Einparken zuzuschauen – nur dass es hoffentlich der werte Herr Kapitän ohne „Parkrempler“ hinbekommen möge (ich glaube nicht, dass es die Begrifflichkeit des Bagatellschadens im Zusammenhang mit einem Kreuzfahrtschiff gibt).
Als Lani und ich wenige Minuten später bereits am Aussichtspunkt samt allem Kamerakram ankommen, wartet dort bereits die Ernüchterung auf uns: erstens ist das Schiff zu früh und liegt schon vor Anker, zweitens liegt noch ein mindestens und wenn auch nur halb so großer Vergnügungskutter daneben und drittens ist da immer noch Platz in dem Fjord!? Zu guter letzt sieht man den Fjord und den maritimen Zirkus leider nur sehr schlecht, denn leider verschleiert die auf halber Höhe wie ein miefender Pfropf zwischen den steilen Felswänden der umliegenden Berge sitzende Abgasfahne der Dampfer und raubt leider sowohl Sicht, Atem (! knapp 2 km Luftlinie entfernt und ca. 300m oberhalb) als auch der eigentlich faszinierenden Umwelt jeglichen Reiz.
Der Schuhlöffel ist also selbst für Riesen-Schiffe überflüssig: der Fjord muss demnach um ein Vielfaches breiter sein, als bisweilen gedacht, andernfalls würde man dort unten bestimmt auch in den eigenen Abgasen ersticken…

Nach dem Frühstück fahren wir das letzte Stück bis ins Dorf (mehr ist es wirklich nicht) hinunter und bahnen uns den Weg zwischen den Menschenströmen zum Fährterminal hindurch. Offenbar besteht Geiranger fast ausschließlich aus „Troll-und-Wollpullover-Souvenirshops“, Bussen, Budfahrern und -haltestellen, Hotels und einem Renault-Tweezy-Verleih, der es dem verkappten, kreuzfahrenden Individualtouristen ermöglicht, auf eigene Faust mit einem quietsch-grünen und von oben bis unten beklebten Elektro-Zweisitzer die zwei (zugegeben langen Pass-) Straßen des Dorfes zu erkunden.
Was ein Trubel… Wir steuern mit Oscar auf den Bauch der Fähre nach Hellesylt zu. Die Fähre ist eine – wie überall in Norwegen übliche – „normale Straßenverlängerung“, führt aber unweigerlich an allen nur vom Wasser aus zugänglichen Sehenswürdigkeiten des Geirangerfjords vorbei und wird als eine Art „Minikreuzfahrt“ gehandelt. Die Kosten belaufen sich dementsprechend für alle und samt Wohnmobil auf touristische 1.350 NOK, also knapp 150 €. Für 20 km reines Vergnügen recht viel Geld, aber in Anbetracht vom ausgefallenen (weil verregneten) Fløyenausflug in Bergen und dem Verzicht auf die Flåmsbana in Flåm gönnen wir uns den Spaß.
Noch während wir Oscar sicher im Laderaum zwischen Reisebussen verkeilen legt die Fähre ab. Wir stiefeln an Deck und suchen uns ein Plätzchen zwischen den anderen Passagieren.
Tatsächlich scheinen wir uns auf einer Minikreuzfahrt zu befinden, denn man glaubt, zwischen den quäkenden mehrsprachigen Beschreibungen und Geschichten über die mehr und weniger interessanten Sehenswürdigkeiten auf einem Ausflugsschiff zu sein und vergisst, dass das eigene Auto ein paar Stockwerke tiefer ebenfalls mitfährt.
Die Bandansagen erfolgen erst auf norwegisch, dann auf englisch, deutsch und gefolgt von chinesisch. Faszinierend ist, dass brav nach Ansage in der jeweils verständlichen Sprache, nacheinander und nach Nationalität sortiert Fotoapparate klappern und Auslöser an Selfie-Sticks glühen. Und so macht in der Reihenfolge erst niemand Fotos von nicht sichtbaren Bauernhöfen (gefühlt sind keine Norweger anwesend oder outen sich nicht), dann machen alle Fotos, die der englischen Sprache mächtig sind, dann machen alle übrigen deutschen Camper und zu guter letzt fliegt plötzlich die Kabinentür aus den Angeln und schlagartig sind überall Chinesen und klickern was das Zeug hält. Schön der Reihe nach…
Während der Überfahrt fahren zu den bereits „hinten“ im Fjord liegenden beiden Schiffe noch ein weiteres Kreuzfahrtschiff (samt laaaaaaanger blauer Mieffahne) und ein Schiff der Hurtigruten an uns vorbei.
Während die Bandansage noch auf deutsch über einen besonders fruchtbaren aber verlassenen Bergbauernhof quasselt lehnt sich die Fähre plötzlich bedenklich nach recht und beginnt schlagartig auf die andere Seite des Fjords zu kreuzen. Warum wird schnell klar: uns kommt noch ein weiteres Kreuzfahrtschiff entgegen und dem musste ausgewichen werden. Vielleicht wird es doch noch eng da hinten in Geiranger.

Wir biegen auf den südlichen Arm des Fjords und in Richtung Hellesylt ab und legen dort etwa 10min später am Fährterminal an.
Von dort aus fahren wir über eine Hochebene gen Westen: wir wollen noch nach „Runde“, eine vorgelagerte Insel im Altantik, die über teils waghalsige Brücken erreichbar ist und mit ihrer Steilküste ein beliebter Brut- und Nistplatz für eine Vielzahl seltener Vögel ist: Lani hatte sich im Vorfeld der Reise gewünscht, Papageitaucher zu sehen (pinguinähnliche und damit lieblingstiernahe Vögel), die sich dort angeblich wohl fühlen und herumtreiben sollen.
Es ist schon 17:30 Uhr, als wir die letzte Brücke über den Atlantik überfahren und auf der Insel ankommen. Irgendwie sieht alles verlassen aus, einzig die Touri-Info ist ein hypermodernes Bauwerk aus Holz und großen Glasflächen, hat aber seit 17:00 Uhr geschlossen. Wir fahren die Hauptstraße bis zu einem Parkplatz, hüpfen in unsere Wanderschuhe und los geht’s: steil den „Vogelfelsen“ hinauf.
Auf halbem Weg nach oben sehen wir in der Ferne die ersten zwei, der heute Morgen im Geirangerfjord getroffenen Kreuzfahrtschiffe, wie sie aus der Mündung des Geirangerfjords kommen und hinaus in Richtung des offenen Meeres fahren.
Malu hängt vor meinem Bauch in der Trage, während sich Lani an Annikas Hand tapfer auf ihren eigenen Beinen den Hügel hinauf kämpft. Was uns um die Ohren pustet, ist nach unserem Dafürhalten alles andere als ein laues Lüftchen, während sich vermutlich so mancher Atlantik-Seebär genau darüber vor Lachen den Bauch reiben wird: Willkommen IM Nordatlantik.

In Anbetracht des Windes und des saftigen Moosbodens würde meine Wahl vermutlich schnell auf Photoshop fallen, bevor ich stundenlang auf einen Vogel warten würde, der hoffentlich irgendwann vor dem gewünschten Ausschnitt der weit entfernten Bergkulisse vorbeiflattert, aber das spreche ich nicht aus und bewundere die Ehrbarkeit des Fotografen. Als wir oben angekommen sind, erinnert der Anblick der Steilküste in der flach stehenden Sonne ungewohnt an die Postkartenmotive aus dem Westen Irlands.

Beim Blick über den Rand sieht man Gewusel von abertausenden von nistenden Vögeln – leider sieht keiner davon auch nur ansatzweise wie ein Papageitaucher aus. Lani ist enttäuscht aber wir stempeln unseren Ausflug als schöne gemeinsame Wanderung ab und entscheiden uns in Anbetracht der Temperaturen für den Abstieg. Es ist etwa 19:30 Uhr, als uns auf unserem Rückweg der ältere Fotograf entgegenkommt – offenbar war das gewünschte Bild endlich im Kasten. Er erklärt uns, dass die Papageitaucher erst und nur um genau 21:00 Uhr zu sehen sind. Da bis dahin die Kids aber vermutlich verhungert und wir erfroren sein werden, lassen wir uns nicht von unserer Umkehr abbringen. Weiter unten am Berg und gegen 20:00 Uhr nimmt der Verkehr stark zu und Heerscharen an vollbeladenen Fotografen pilgern an uns vorbei und den Berg hinauf. Es sieht ein bisschen so aus, als ob es entweder die riesigen langbrennweitigen Objektive im Kiosk des Campingplatzes im Ausverkauf gibt oder als ob es einen geheimen Wettbewerb gibt, wer es schafft, die größte Sammlung an Fotoequipment auf den Hügel zu schleifen. Dennoch sind wohl alle besser informiert als wir, aber sei es drum…Der direkt unterhalb des Vogelfelsen gelegene Campingplatz sagt uns nicht wirklich zu (eine Münchner Familie, die wir mehrfach den Tag über getroffen haben fassen es mit dem Wort „Schachtelwirtschaft“ zusammen) und fahren wir die Straße entlang der Küste zurück und verlassen die Insel um einen auf dem Hinweg per Schild beworbenen Stellplatz für die Nacht anzufahren. Dieser liegt auf einer „Zwischeninsel“ (Insel zwischen zwei Brücken) und sieht tatsächlich sehr skurril aus, weshalb wir doch noch weiter fahren um nach einem für das Nachtquartier geeigneten Plätzchen Ausschau zu halten. Als wir nichts passendes finden, beschließen wir, dass wir noch die für morgen geplante Etappe bis nach Ålesund dranzuhängen und dafür morgen einen autofreien Tag einzulegen. Es ist 23:45 Uhr als wir versuchen, leise auf dem Wohnmobil-Stellplatz direkt am Hafen von Ålesund „anzulegen“ – alle (!) sind hellwach, gut gelaunt und als plötzlich im späten Sonnenuntergang ein Schiff der Hurtigruten fast direkt vor uns anlegt sind (fast) alle hellauf begeistert – Malu ist das Schiff natürlich schnurz, Hauptsache alle sind da! Wir genießen gemeinsam den Ausblick über das abendrote Meer aus unserem rollenden Zuhause, es wird aber vermutlich noch eine ganze Weile dauern, bis wieder einmal alle im Bett sind.

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